Mein Leben auf der Straße – Am Anfang war es Freiheit…
Gestern schrieb ich einen Artikel, der hieß:
“Kann ich ohne schlechtes Gewissen an einem Bettler vorbei gehen?”![]()
Mich brachten die Kommentare zu diesem Thema zum Nachdenken und ich denke, ich erzähle Dir mal, wie ich meine Zeit auf der Straße erlebt habe und wie mir Menschen begegneten. Gerade jetzt im Winter, wo es kalt ist, da kommen Erinnerungen zurück die ätzend waren, aber die durchaus auch schöne Momentehatten.
Ich möchte das schreiben, damit Du einen Blick “hinter die Kulissen” bekommst…. zu den Schicksalen der Menschen und dem Leben “da draußen”.
Ich war damals 13 Jahre und wohnte in Dresden. Die “übliche” Laufbahn…. zu Hause war die Hölle los, meine Mutter Alkoholikerin und psychisch krank, mein Vater stand voll unser ihrer Fuchtel.
Ich erlebte körperliche und emotionale Misshandlung, die sich tief in meine Seele brannte.
Meine Kindheit war mit 13 schlagartig vorbei….
Ich haute von zu hause ab. Meine Freunde Simone und Andreas am gleichen Tag.
Wow, was fühlten wir uns frei. Doch dieses Freiheitsgefühl verarschte uns bloß….
Drogen und Alk spielten eine große Rolle. Nicht jeder auf der Straße nimmt Drogen. Doch ich lernte in über drei Jahren keinen kennen, der nicht die Flucht im Alk suchte. Das Probleme schwimmen können weiß jeder… doch Alk beruhigt und lässt die Realität wenigstens für einige Zeit verschwimmen.
Simone und Andreas wuchsen, im Gegensatz zu mir, in einem “behüteten” Elternhaus auf.
Andreas ist schon immer wie ein Bruder zu mir. Unsere Mütter lernten sich beim Kinderarzt während der Schwangerschaft kennen.
Seine Eltern waren echt genial. Seine Mutter half meiner Mutter wo sie nur konnte, denn meine Mutter war von Beginn an völlig überfordert mit mir. Sie kam ja selbst nicht mal zurecht. Andreas Mutter liebte ihn, sie waren eigentlich eine Familie, wie ich sie mir immer wünschte.
Doch dann das Drama….
Als Andreas 12 Jahre war, fuhr er mit seiner Mutter kurz vor Weihnachten auf der Autobahn. Plötzlich streikte das Auto.
Sie hielten auf dem Seitenstreifen der Autobahn. Es war dämmerig und schneite etwas. Seine Mutter stieg aus dem Auto, um nachzusehen was das Problem sein könnte……..sie schaute nicht richtig… sie wurde von einem Reisebus erfasst.
Der Bus fuhr über sie und kam erst nach nach über einem Kilometer zum stehen. Andreas sah zu.
Wie oft wachte er Nachts schreiend auf und hatte ich die Bilder vor Augen… die Haare seiner Mutter auf der Straße…. ihr Schal… das Blut… auch für mich war das ein großer Schlag zu erfahren das sie nicht mehr da war. Es verschlimmerte auch meine Situation zu Hause.
Andreas’ war Einzelkind, sein Vater hatte eine gut gehende Kneipe in der Innenstadt. Doch der Tod seiner geliebten Frau… er kam nicht darüber hinweg. Er begann zu saufen und im Suff Andreas zu schlagen. Er haute ab…
Simone’s Eltern hatten richtig fett Kohle, ihr Vater war Chef einer Computerfirma. Simone’s älterer Bruder und sie sollten die Firma später einmal übernehmen. Ihr Bruder war happy, er studierte und sah sich als zukünftiger Junior Chef.
Aber Simone hatte darauf keinen Bock.
Sie wollte eine Ausbildung zur Kosmetikerin machen oder zur Tierpflegerin… doch die Eltern akzeptierten das nicht. Das war ein echter Stress…. Sie haute ab….
Wir drei waren eigentlich immer zusammen. Wir lernten das Gesetz der Straße schnell kennen.
Die Innenstadt ist unterteilt in “Reviere”. Du kannst dich nicht einfach irgendwo hinstellen und um Geld betteln.
Zumindest nicht, wenn du keine Probleme haben willst….
Als junges Mädchen bekommt man mehr Geld als ein 50 Jahre alter Mann, der am Straßenrand sitzt. Und da haben die natürlich was dagegen.
Unser Leben bestand fast immer aus Flucht. Flucht von zu Hause, Flucht vor den Bullen, Flucht vor den Sozialarbeitern….
Die waren natürlich verpflichtet uns ins Heim zu stecken.
Wenn sie mich mal wieder geschnappt hatten und ins Heim steckte, auch ich wieder ab. Das war zwar manchmal gar nicht so einfach, aber so ein Heim ist auch kein Hochsicherheitstrakt. Irgendwann hörten sie auf uns zu suchen….
Das Betteln war am Anfang schwer, doch schnell gewöhnte ich mich daran.
Viel schlimmer waren die verachteten Blicke von den Leuten, die mit vollen Einlaufstaschen an mir vorbei gingen.
Wenn mich jemand anlächelte, dann war es mir fast egal, ob er mir ne Mark gab oder ob er weiter lief.
Dieses Lächeln speicherte mein hartes Herz irgendwie ab, auch wenn mir das nicht immer bewusst war. Heute weiß ich es.
Manchmal brachten uns Leute etwas zu essen. Teilweise drückten sie mir eine Bäckertüte in die Hand, schauten mich dabei aber nicht an und liefen schnell wieder davon. Ich rief ihnen ein “Danke” hinterher. Ich freute mich. Und doch weiß ich, dass diese Leute sich schämten… oder wollten sie nur ihr schlechtes Gewissen beruhigen??
Im Winter als es kalt war… das war Horror.
Der Alkohol hilft um sich von innen aufzuwärmen, doch Kälte und Alk ist eine tötliche Mischung. Die Blutgefässe weiten sich durch den Alk…. man erfriert eigentlich viel schneller. Die Menschen schienen gestresst und die meisten ignorierten uns.
Wir hatten eine Gitarre und Mundharmonika, wir machten ein bisschen Musik. Manchmal blieb einer stehen… das war schön. Jemand der sich Zeit nahm… für uns! Wow!
Wir konnten jederzeit zum Kinder- und Jugendnotdienst, bekamen da etwas zu essen und konnten dort pennen. Natürlich nur, wenn wir nicht total dicht waren. In so einem Fall waren ratz fatz die Bullen da.
Damals durfte man keine Tiere mit reinnehmen. Andreas hatte einen Hund – unser Hund. Sammy. Er hatte ihn von seiner Mutter bekommen. Er war es ein Teil von ihr… das einzige was Andreas noch blieb. Nie hat er Sammy allein gelassen. So schliefen wir drausen, bei manchmal -20 Grad. Wir sammelten Styroporplatten und Müllsäcke. Damit bauten wir uns unser Lager.
Einen Müllsack auf den Boden, dann Styropor, dann wieder Müllsack, dann ne Decke und der Schlafsack in dem wir meistens zu zweit lagen, um uns gegenseitig zu wärmen. Müllsack oben drauf, sonst wird’s feucht.
Einer musste wach bleiben und Wache schieben. Stündlich wurden wir geweckt… pinkeln gehen, rumhoppsen, laufen… die Kälte lässt einen erst wie blöd zittern, doch wenn sie einmal in den Knochen sitzt, dann wird es taub… das ist fast besser als zu klappern wie Espenlaub.
Pennen ist am Tag besser, Nachts wird es kälter und ist gefährlicher. Doch Nachts um Kohle zu betteln macht sich schlecht…. Scheiße ist das.
In den 3 Jahren setzten sich zwei Menschen zu mir, die mir zuhörten, die mich nicht verurteilten, die mir nicht direkt sagten: “geh doch arbeiten!” Diese zwei Menschen gaben mir mehr, als jemand der mir einen Schein in die Hand drückte.
Sie gaben mir das Gefühl wertvoll zu sein. Es war eigentlich scheißegal was sie sagten…. was mich beeindruckte war, dass sie sich neben mich setzen. Sie schämten sich nicht, sie streichelten Sammy, wir lachten zusammen…. einmal spielten wir sogar Karten.
“Pass auf dich auf, Gott segne dich.” sagte eine Frau als sie ging. Irgendwie rührte mich das. Sie wollte das mir nichts passierte…. das es mir gut ging??!
Vielleicht kennt Ihr Sabine Ball, sie hatte das “Stoffwechsel” – eine geniale Frau, sie kümmerte sich um Leute, die auf der Straße lebten. Ich lernte sie kennen und spielte Kicker im Stoffwechsel, ich malte Bilder – das war echt cool und eine Abwechslung zu dem ganzen Scheiß “da drausen”.
Zieh Dir mal unten das Video rein, hab leider nur nen halbes Interview gefunden, was Bibel TV mal machte… hmhmhm naja, besser als nix. Sabine war mal Millionärin. Ich hab schon mal den Artikel “Sabine Ball umringt von 100 grölenden Punks” geschrieben.
Sabine ist leider im letzten Jahr gestorben, aber vergessen werde ich sie nicht.
Morgen erzähle ich noch ein bisschen mehr von dem Leben auf der Straße, gerade zur Weihnachtszeit.
Pass auf Dich auf, Gott segne Dich!
Deine Jesus Punk
Eben habe ich das komplette Interview gefunden. Guckst Du HIER
Dies ist ein Beitrag für die Initiative von www.Internetmissionar.de
Foto: © Peter Hebgen/pixelio.de
Ich schreibe für eine Initiative von In-Meiner-Strasse e.V. Wenn Du meine Arbeit unterstützen möchtest, findest Du auf diesem Link alle Infos.



wow… sehr sehr ehrlich.. danke..
Wow, wenn man so etwas liest , kommen einem seine eigenen Probleme und Erfahrungen so klein und nichtig vor. Gott ist schon einmalig und wir sollten echt dankbar sein. Danke
Ja das ist schon manchmal so Cathrin…. heute denke ich manchmal “Hey mach dich mal locker, was hattest du früher für nen Stress, ist doch eigentlich halb so wild!”….
danke für deine tollen beiträge!!! was für ungeheure erfahrungen du gemacht hast… niemand kann dir etwas vormachen, das steht fest! sei gesegnet liebe Mandy
Liebe Mandy!
Danke dir, dass wir mit diesem Blog ein bißchen an deinem Leben teilhaben können!
Und Jesus ist der beste Freund, den wir alle haben und den du auch hast!!
Be blessed,
Susanne
Danke Mandy für diesen Beitrag!! Ich bet für dich, auch dass es dir bald besser geht!!!!
Du bist ein großer Segen, ich poste alles von dir auf meiner Facebookseite!
Sei gesegnet und umarmt!!!
Myriam
Das Gefaellt mir Button Plugin waere stark. Oder habe ich es uebersehen?
Danke für den ehrlichen Bericht – du kannst so packend und spannend schreiben! Ich will mich anders verhalten, wenn ich einem Sandler begegne, es ist mir nämlich immer unangenehm und ich vermeide solche Begegnungen.
Bitte, gern geschehen. Ich freue mich über Euer Feedback.
Einem “Sandler” oh das habe ich noch nie gehört….. woher kommt das?
Johannes, der Button steht doch unter dem Beitrag oder meinst du, du willst einen für jeden Kommentar?
Gruß und schönen 3. Advent
Eure JP
Ich bin ja seit mehreren Tagen freudiger Inhaber des Iphones und finde es toll, dass die Seite im mitgelieferten Browser ohne Probleme angezeigt wird.
[...] die draußen leben. Die Gedanken wurden mir durch Jesus Punk gegeben , die berichtete, wie sie das Leben auf der Straße empfunden hat. Sie beschreibt das Leben auf der Straße und wie man sich dort fühlt. Heute habe [...]