“Die müssen doch nicht so leben!”

Ca. 1-3 x wöchentlich, wie wir es leisten können, fahren wir – mein Mann Karsten und ich – manchmal begleiten uns auch Freunde – Nachts durch Berlin und versorgen Obdachlose mit warmen Sachen, die viele tolle Blogleser dafür schenken.    

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Tomei und Gregor
- Tomek und Gregor -


"Die müssen doch nicht so leben!"


… heißt es immer wieder Kommentaren und Mails, die ich dazu bekomme. Ich möchte versuchen darauf einzugehen.


Ich denke, keiner beschließt: "Nächsten Monat, verkaufe ich all mein Hab und Gut und lebe auf der Straße."

Nach unseren Beobachtungen kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen an den Punkt, an dem sie sich zum ersten Mal einen Schlafplatz unter der Brücke suchen müssen. In Gesprächen hört man immer wieder von Schicksalsschlägen, psychischen Erkrankungen, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und sonstigen Problemen die der Auslöser waren. Oft scheint es dann plötzlich schneller zu gehen, als man dachte. Der Vermieter schmeißt einen raus, man findet keine bezahlbare Wohnung. Die Partnerin stirbt, man wird verlassen, wird berufsunfähig usw.  


Sehr berührend war vor 2 Wochen das Gespräch mit Sebastian, der eigentlich einen Job als Baumpfleger hatte, den er aufgab um sich um seine psychisch kranke Freundin Melanie zu kümmern, die er nicht alleine lassen konnte, und die in Psychiatrien traumatische Erfahrungen gemacht hatte – dort auf keinen Fall mehr hin will/kann. (beide Namen geändert) Obwohl sie eigentlich dringend medizinische Hilfe und Betreuung bräuchte, leben die Beiden nun gemeinsam auf den Strassen Berlins. Sebastian hätte es geschafft, auch als Legastheniker (er kann weder lesen noch schreiben) seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber er wählte den schwierigeren Weg – wer will ihm das vorwerfen?! Wir werden weiter versuchen, ihn mit Sozialarbeitern in Kontakt zu bringen, damit die beiden vielleicht ein Perspektive bekommen. Aber mit Melanies Waschzwang können sie in keiner Notunterkunft übernachten. Da kann man eben nicht 1-2 Stunden in Ruhe im Bad verbringen, wie sie es bräuchte. Zudem wurde sie bereits vergewaltigt. Gemeinschaftsduschen sind ein No-Go. Und schon ist Streß vorprogrammiert. Auf der Strasse ist das Duschen natürlich auch nicht möglich, was einen Teufelskreis/Strudel aus psychischem Stress, Beziehungsstress und Minderwertigkeitsgefühlen in Gang hält, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.  


Jeder von uns kann unter bestimmten Umständen an einen Punkt gelangen, an dem er ohne Hilfe nicht wieder auf die Beine kommt.

Ab einem gewissen Punkt wird das Gefühl der Überforderung von Mut- und Hoffnungslosigkeit abgelöst und mündet in Lethargie und Gleichgültigkeit. Man träumt nicht mehr vom Leben und davon, wie man es gestalten könnte, sondern begnügt sich damit, irgendwie zu überleben.


Es ist ein großer Unterschied, ob man aus Abenteuerlust einige Nächte im Freien verbringt, oder ob man keine andere Möglichkeit hat, als Isomatte und Schlafsack. Wenn gleichzeitig das Selbstwertgefühl am Boden ist, reicht es eben nicht mehr, sich etwas zusammenzureißen – man müßte viele Dinge auf einmal ändern. Wer ein wenig Lebenserfahrung hat, weiß wie schwer es sein kann, selbst einzelne, kleinste Gewohnheiten abzustellen. So kommt es, dass der Weg zurück in ein „normales, geregeltes Leben“ nach der ersten Nacht auf der Straße, gefolgt von der zweiten, dritten …. immer schwerer wird. Schlussendlich sind es bei manchen Jahre, sogar Jahrzehnte. Je länger sie auf der Straße leben, umso schwieriger wird es wieder eine bezahlbare Wohnung zu bekommen, geschweige denn eine Arbeit. Wenn Du selbst schon mal eine Wohnung gesucht hast, weißt Du sicher, dass  es auf dem Wohnungsmarkt alles andere als rosig aussieht. Und nun suche dir mal eine Wohnung, ohne festen Wohnsitz und Einkommen.


"Aber Moment mal, es gibt doch Sozialhilfe??!" sagst Du jetzt vielleicht.

Ja, es gibt Hilfen vom Staat. Wenn man sich durch den Bürokratie Dschungel kämpft, ein Konto eröffnet, ne Wohnung findet … und am Besten auch kein Ausländer ist. Denn die haben es wesentlich schwerer. Nicht nur durch sprachlicher Barrieren, sondern auch durch ihre andere Kultur und rechtliches Zeug, was da einfach anders läuft.

In der Notunterkunft der Stadtmission Berlin (die übrigens mit Absicht kein "Hotel" ist, wie vielleicht von einigen vermutet. -schau Dir unten die Doku an) – gibt es Sozialarbeiter, die Wohnungslose über Hilfen vom Staat aufklären, die ihnen die Hand reichen und den Bürokratiekram mit ihnen angehen möchten. Viele von ihnen haben weder einen Ausweis, Geburtsurkunde, geschweige denn irgendwelche Zeugnisse. Da man muss man weit vor anfangen, ein langer Weg ist das. Wenige Menschen nehmen diese Hilfe an. Manchmal kann man nachvollziehen, warum sie es nicht tun, manchmal nicht. Wir leben in einem freien Land, hier kann jeder selbst entscheiden wie und wo er leben möchte, solange er sich an die Gesetze hält.


Ich glaube eines der größten Probleme ist die Scham.

Die Scham darüber in eine solche Situation geraten zu sein. Den eigenen Stolz zu überwinden, sich einzugestehen "die Kontrolle verloren zu haben" und fremde Hilfe anzunehmen, ist nicht einfach. Deshalb ist es wichtig Vertrauen zu den Menschen aufzubauen, die viel zu oft vom Leben und Menschen enttäuscht wurden. Denen irgendwann vielleicht auch klar wurde: "Ich habe nur ein Leben und ich bin jetzt 50 Jahre alt, kaputt und hab's an die Wand gefahren!"  


Weißt Du, niemand muss Raucher sein. Jeder weiß, dass er seiner Gesundheit damit nichts Gutes tut. Und trotzdem gibt es Millionen Raucher in unserem Land.
   

obdachlos Einkaufswagen


"Sie machen das ehrenamtlich?? Einfach so??" – werde ich immer wieder mit erstaunten Blick gefragt.

Ich verstehe nicht, wieso in einer Millionenstadt nicht mehr Menschen dazu bereit sind, hinzusehen und sich zu kümmern. Gerade am Anfang kostet es Überwindung, doch wenn man es einige Male gemacht hat, ist es einfach nur toll! Ich gebe etwas und bekomme etwas zurück. Einem Menschen Wärme zu schenken, ihm zu vermitteln "Ich sehe Dich – auch wenn so viele Dich ignorieren!" ist etwas Großartiges. Gerade in der dunklen Jahreszeit, in der mich meine depressive Stimmung manchmal erdrückt, ist es wie Medizin für mich, zu den Menschen da draußen zu gehen. Eben weg von mir zu schauen, hin zu anderen. Sie zu beschenken, mit ihnen zu sprechen, einige immer wieder zu treffen, Vertrauen aufzubauen, für sie zu beten.  

 

Ich werde versuchen demnächst mal Interviews mit Obdachlosen und Sozialarbeitern zu führen.

Du hörst von mir.  


Mandy   
 

 


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Dieser Beitrag wurde am 6. Dezember 2017 veröffentlicht.

16 Gedanken zu „“Die müssen doch nicht so leben!”

  1. Mauerblume

    Ich habe einen Beitrag im Fernsehen gesehen über die Initiative “little-home”.
    Diese Leute bauen kleine Häuschen für Obdachlose, als Start in ein neues Leben.
    Anscheinend auch in Berlin. Vielleicht kann man so ein Häuschen kaufen und dann
    an obdachlose Menschen weitergeben. Die Häuser sind mehrfach verwendbar.

    Das ist der Link https://little-home.eu/neues

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    1. Mandy Artikelautor

      Ja, die sind toll.

      2015 wo hier unmenschliche Zustände vorm LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) herrschten und soviele Menschen bei arschkalten Temperaturen auf der Straße saßen / lagen / schliefen – damit begann die Schlafsackaktion … (www.gekreuzsiegt.de/2015/11/20/berlin-menschen-werden-vorm-amt-erfrieren) wurde auch eins aufgestellt. :-)

      Wieviele Menschen sich da reinstopften, war schon faszinierend.
       

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      1. Mauerblume

        Das ist schön. Danke auch für Deinen Einsatz, Mandy (und für den Einsatz Deines Mannes).
        Könntet Ihr vom Blog aus vielleicht so ein Häuschen über Spenden finanzieren und etwas
        betreuen? Vielleicht habt Ihr vor Ort Mitstreiter und Helfer?

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        1. Mandy Artikelautor

          Momentan ist mir das too much. Ich bin auch erstmal froh, wenn die “Wärme schenken” – Aktion und die anderen beiden Weihnachtsaktionen vorbei sind und ich mich wieder aufs Bloggen konzentrieren kann. Das ist mein Hauptding und soll auch erstmal so bleiben. Es steckt organisatorisch, zeit- und kräftemässig meist mehr dahinter, als nach außen hin sichtbar ist.

          Hier lesen ja einige mit, die vielleicht so ein Haus finanzieren wollen. ;-)

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          1. Mauerblume

            Ja, nicht dass es Dir zuviel wird. Du machst schon sehr viel gegen das
            Leid und die Armut an Glauben in der Welt. Danke nochmal.
            Vielleicht haben andere Leute daran Freude. Die sind anscheinend in vielen
            Städten unterwegs.

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          2. Jessica

            Einfach nur, DANKE Liebe Mandy!!!

            Ich habe hier gerade zwei schnurrende Fellnasen um mich herum liegen, die dir ganz viel von ihrer guten Katzenenergie zusenden wollen :-).
            Lieben Gruss Jessica, Paulchen und Merle

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  2. Maja

    Sehr guter und differenzierter Beitrag. Ich kenne auch jemanden, der in die Obdachlosigkeit gerutscht war (ist zum Glück nun wieder vorbei). So wie ich es bei ihm raushörte, sind Ursache in diesen Fällen wohl meist die Überforderung vor dem “Aufräumenmüssen” gleich mehrerer Lebensbaustellen, die Hoffnungslosigkeit und der Vertrauensverlust gegenüber den Mitmenschen.

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  3. Dorothea

    Danke, liebe Mandy – Dein Einsatz ist Klasse! Ja, es könnte mehr Christen geben, die auf diese Weise mithelfen. Möge Gott Herzen verändern!

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  4. Ines

    Mich macht es sehr traurig, dass die Flüchtlinge mittlerweile gut hier leben dank staatlicher Hilfen und dies aber bei Obdachlosen nicht zu funktionieren scheint!

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    1. Mandy Artikelautor

      Ich weiß nicht zu welchen oder wie vielen geflüchteten Menschen du Kontakt hast. Die, die ich kenne haben leider immer wieder Stress mit den Ämtern. Möchten gern arbeiten, dürfen nicht … werden blöde behandelt, nur weil sie etwas nicht so schnell verstehen … bekommen sogar im Supermarkt blöde Sprüche. Ich wünsche jedem, dass es ihm gut geht und er unterstützt wird, wo er Unterstützung braucht. Egal ob Ausländer oder nicht. Die einen gegen die anderen ausspielen, hat noch nie Gutes bewirkt. Schmarotzer gibt es überall, auch bei den Obdachlosen … die gebrauchte und gut erhaltene Schuhe bekommen und drüber meckern, dass sie nicht neu sind. Was soll’s, weitergehen und sich über und mit denen freuen, die dankbar sind  ;-)

      Und wie in meinem Artikel ja erwähnt, es gibt durchaus Helfer die anpacken und etliche Ehrenamtliche – nur die Hand annehmen, muss eben auch ein Obdachloser. Sonst kann es noch so gute staatliche Unterstützung geben.

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    2. Ines

      Wir organisieren ein Flüchtlingskaffee in einer Gemeinde in Lichterfelde. Die Flüchtlinge kommen aus einem etwas besserem Heim da. Denen geht es gut! Ich kenne auch andere Flüchtlinge, die sich halt durchkämpfen.

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  5. Ella

    Ich habe auch als Minderjährige ein paar Jahre in Berlin auf der Straße gelebt und ich habe von den Obdachlosen und Drogenabhängigen in dieser Zeit mehr Schutz bekommen, als in der eigenen Familie. Ich wurde von von denen nie geschlagen oder erniedrigt oder beschimpft oder sexuell missbraucht!! aber zu Hause! Ich habe erlebt, dass diejenigen auf der Straße, mit denen ich zusammen war, mehr Ehre und Herz hatten, als manch ein feiner Herr Krawattenträger!
    Liebe Mandy, du bist so ein großes Vorbild für mich und ich wünsche mir eines Tages die Stärke zu besitzen, auch etwas für andere tun zu können. <3

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    1. Mandy Artikelautor

      Liebe Ella. Danke.

      Du bist toll und auch für mich ein Stückweit Vorbild – ich finde es stark, dass Du nicht aufgegeben hast und es Dir mittlerweile viel besser geht :-)

      Lass uns irgendwann (wenn Du soweit bist und das möchtest) zusammen den Anfang machen und anderen helfen, denen es heute ähnlich ging wie uns damals. Vielleicht im nächsten Jahr beim warme Sachen verteilen … oder wann auch immer. :-) Zu dritt oder viert kann man den Mut “zusammen legen” und es fällt viel leichter loszugehen, als allein.

       Melde Dich jederzeit. Freu mich Dich bald wieder zu sehen.

      Mandy

       

       

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  6. Mauerblume

    Hallo Mandy,
    vielleicht wäre für Melanie das Weglaufhaus in Berlin eine Alternative.
    Dann könnte ihr Freund Sebastian wieder arbeiten und ihr wäre evtl. auch besser geholfen.
    Vielleicht könnte sie einer von Euch dorthin begleiten.

    weglaufhaus.de

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